Locke in Brasilien. Eigentum und Arbeit in der deutschen Auswanderungsliteratur

Die Aussicht auf Eigentum, glaubt man der deutschsprachigen Brasilien-Literatur des 19. Jahrhunderts, stellt eine treibende Kraft der Auswanderung in das südamerikanische Land dar. Eigentümer könne jedoch nur werden, wer zu harter Arbeit bereit sei. Möchte man diese Verbindung von Eigentum und Arbeit und ihre kolonialen Implikationen verstehen, muss man zum ‚Vater‘ des Liberalismus John Locke zurückgehen.

Deutsche Migration nach Brasilien

2024 wurde das 200-jährige Jubiläum der deutschen Einwanderung in Brasilien mit zahlreichen Veranstaltungen und Festivitäten begangen. Der Beginn der deutschen Präsenz in Brasilien reicht allerdings noch ein paar Jahre weiter zurück. 1818 wurde die erste deutsche Kolonie in Brasilien gegründet: die Colonia Leopoldina im Bundesstaat Bahia, bei der es sich um eine Privatinitiative des Naturforschers Georg Wilhelm Freyreiss handelte. Nach der Unabhängigkeit Brasiliens von Portugal 1822 warb dann die Regierung gezielt um europäische Siedler:innen, die die dünn besiedelten Regionen im Süden des Landes landwirtschaftlich erschließen und die nationalen Grenzen sichern sollten (vgl. Seyferth 2010: 239–240). Nicht 1818, sondern der 25. Juli 1824, der Ankunftstag von einer kleinen Gruppe deutscher Migrant:innen, die die Kolonie São Leopoldo gründen werden, gilt deshalb als Beginn der Imigração Alemã. Bis Ende des 19. Jahrhunderts sollten 90.000 Menschen aus deutschen Territorien nach Brasilien auswandern.

In der deutschen Literatur werden diese Migrationsbewegungen registriert und reflektiert, vor allem von Autor:innen der ‚zweiten‘ und ‚dritten Reihe‘ wie Amalie Schoppe, Friedrich Gerstäcker und Joseph Hörmeyer (vgl. dazu auch Neumann 2005). Die Spannbreite der literarischen Genres reicht von der moralischen Jugenderzählung (Schoppe) über den Reisebericht bis hin zum Roman (Gerstäcker). Die Texte entwerfen wirkmächtige Bilder und Narrative der Auswanderung und tragen zur Ausbildung einer globalen Vorstellungswelt bei, in der sich das deutsche Publikum des 19. Jahrhunderts bewegt. In der deutschen Brasilien-Prosa werden Gründe für die Auswanderung erörtert und erfolgreiche Modelle der Migration verhandelt, aber auch Scheitern und negative Erfahrungen (Verschuldung, konfessionelle Benachteiligung etc.) zum Thema gemacht. Die von den Texten hervorgebrachten Bilder von Brasilien und Südamerika nähren Hoffnungen auf ein besseres Leben jenseits des Atlantiks und kultivieren zugleich einen kolonialen Habitus, dessen Angelpunkt Vorstellungen von Eigentum und Arbeit darstellen.

Gewaltmigration

Was veranlasst Menschen, ihre Heimat, Familie und Freund:innen hinter sich zu lassen und eine beschwerliche Reise anzutreten, um in einem fremden, tausende Kilometer entfernten Land ein neues Leben anzufangen? Die deutsche Brasilien-Literatur verweist auf die politische und soziale Wirklichkeit des 19. Jahrhunderts: In Schoppes Die Auswanderer nach Brasilien oder die Hütte am Gigitonhonha (1828) sieht sich die Familie Riemann gezwungen, „die theure Heimat, den väterlichen Boden zu verlassen, um in der Ferne ein ungewisses Glück zu suchen“, weil sie sich infolge von „Mißwachs, Hagelschlag und Viehsterben“ (Schoppe 1828: 4) sowie von Verschuldung ihrer Lebensgrundlagen entzogen sieht. In Gerstäckers Parcerie-Vertrag (1869) ist die Rede von „Jammer und Elend und schwere[r] Arbeit, die nicht einmal so viel abwirft“, um (Land-)Arbeiter und ihre Familien „bei Kräften zu erhalten“ (Gerstäcker 1869: 5), weshalb sich der Tagelöhner Behrens zur Unterzeichnung des titelgebenden Arbeitsvertrags verleiten lässt, der für ihn und seine Kinder eine jahrelange Schuldknechtschaft bedeutet.

Die Brasilien-Migration wird in den Texten zuvorderst als eine Migration aus sozialen Gründen, d.h. als Armuts- und Arbeitsmigration dargestellt, was sich mit sozialhistorischen Tatsachen deckt. Denn tatsächlich handelte es sich bei einem Großteil der Auswanderer um „Bauern, Landarbeiter und Industriearbeiter […], die arbeitslos oder mit ihren Arbeitsbedingungen unzufrieden waren“ (Seyferth 2010: 748). Erwähnung findet bei Gerstäcker aber auch die Ankunft politischer Flüchtlinge und Exilanten, die „meist alle das Jahr 1848 herüber gescheucht hat, und die bis jetzt auf Gottes Welt nicht wissen[,] was sie mit sich anfangen sollen“ (Gerstäcker 1864: 50). Während es die Mehrheit der im Vormärz engagierten und nach dem Scheitern der Revolution teils verfolgten Politiker, Intellektuellen und Aktivist:innen in englischsprachige Länder (vor allem in die USA, in geringerem Maße auch nach Kanada und Australien) zieht, sucht ein Bruchteil der politischen Flüchtlinge und Exilant:innen Zuflucht in Brasilien. Dabei handelt es sich vornehmlich um Menschen mit höherer Bildung, von deren Schwierigkeiten Gerstäckers Die Colonie. Brasilianisches Lebensbild (1864) berichtet, „in dem fremden und überseeischen Lande […] eine passende oder […] wenigstens zusagende Beschäftigung“ (Gerstäcker 1864: 49) zu finden, mit der sich der Lebensunterhalt für eine Familie bestreiten lässt.

Die in den Texten von Gerstäcker und Schoppe verhandelten Gründe der deutschen Auswanderung nach Brasilien lassen sich unter dem Begriff der Gewaltmigration subsumieren, worunter mit Jochen Oltmer eine Migration zu verstehen ist, „die sich alternativlos aus einer Nötigung zur Abwanderung aus politischen, ethno-nationalen, rassistischen oder religiösen Gründen ergibt“ (Oltmer 2016: 19). Zu erweitern ist diese Merkmalsliste um Armut und sozio-ökonomische Ausbeutung, die ebenfalls als Formen der sozialen Gewalt einzustufen sind. Wenn die Gewaltmigration in der Literatur des 19. Jahrhunderts Thema wird, dann jedoch nicht zwangsläufig in einem kritischen Zusammenhang, um die sozialen Verhältnisse in Deutschland anzuklagen. So erscheint die Not der Familie Riemann bei Schoppe zum einen als eine Folge von Naturkatastrophen, d.h. im religiösen Weltbild der Erzählung verursacht durch eine sich dem menschlichen Wirkungskreis entziehende höhere Macht, zum anderen wird auf demografische Entwicklungen hingewiesen:

Ihr habt gewiß schon oft davon gehört, meine theuren, geliebten Kinder, daß aus dem mit Menschen fast überfüllten Europa, dessen Boden kaum mehr die erforderliche Nahrung für die Vielen hervorzubringen vermag, Leute nach andern Welttheilen, namentlich aber nach Amerika, auswandern, um dort unter einem anderen Himmelstriche das zu suchen, was ihnen in der Heimat zu fehlen begann, nämlich Nahrung und hinreichenden Unterhalt. (Schoppe 1828: 1)

Um das Problem der Überbevölkerung zu lösen, wird bei Schoppe die Auswanderung in Gegenden mit geringer Bevölkerungsdichte außerhalb Europas vorgeschlagen: „Dieses große Reich in Süd-Amerika […] hat einen Flächeninhalt von mehr als 100.000 Quadratmeilen, wovon kaum 1.000 angebaut sind, und bietet so den Auswanderern große Hoffnungen für ihr Fortkommen dar“ (Schoppe 1828: 2). Der Überbevölkerung in Europa stehe ein „Mangel an Einwohnern“ in Brasilien gegenüber, „denn man zählt nur 4.221.000 Menschen auf […] 100.000 Quadratmeilen Flächeninhalt“ (Schoppe 1828: 3). Brisant an dieser Argumentation ist die Korrelierung von Europa und Südamerika: die Delegation eines europäischen Problems an ein Land im Globalen Süden, das zu ‚leerem Land‘ erklärt wird, welches es anzueignen gilt.

Wie aus ‚leerem Land‘ durch Arbeit Eigentum wird

„Vater Riemann besaß kein eigenes Grundstück, sondern hatte ein solches nur von einem reichen Gutsherrn gepachtet“ (Schoppe 1828: 5). – In der europäischen Imagination des 19. Jahrhunderts hat Brasilien etwas zu bieten, wovon es in Europa zu wenig gibt: freies, ‚leeres Land‘ (terra nullius), das (vermeintlich) niemandem gehört. Bei der terra nullius handelt es sich um ein rechtlich-politisches Konstrukt, bei dem „Allgemeingut zu Niemandsgut erklärt wurde, um sich dessen dann zu bemächtigen“ (Asche/Niggemann 2015: 26), und das eine zentrale Rolle bei der Besiedlung der ‚Neuen Welt‘ und im europäischen Kolonialismus spielte. Getragen wird der Diskurs des ‚leeren Landes‘ von Bildern der ‚Wildnis‘, ‚Wüste‘, ‚Steppe‘ oder (in Südamerika) ‚Pampa‘ (vgl. Asche/Niggemann 2015: 27), die sich zuhauf in der deutschen Brasilien-Literatur finden. Zum Vorstellungskomplex des ‚leeren Landes‘ passt auch die Abwesenheit der indigenen Bevölkerung in den literarischen Texten von Schoppe und Gerstäcker, während zeitgenössische Reiseberichte durchaus von Konflikten zwischen (deutschen) Siedler:innen und indigenen Gruppen berichten (vgl. z.B. Avé-Lallemant 1859).

Im europäischen neuzeitlichen Denken wird die Imago des ‚leeren Landes‘ mit dem Auftrag verbunden, sich dieses Land eigentumsförmig anzueignen. Wichtigster Vertreter dieser philosophischen Tradition ist John Locke (1632–1704), dessen Ausführungen zum Eigentum eine Legitimationsgrundlage sowohl für die Durchsetzung der kapitalistischen Klassengesellschaft als auch für den europäischen Kolonialismus liefern (vgl. Loick 2021: 34–45). Locke betrachtet die landwirtschaftliche Erschließung von Land als eine religiöse Pflicht: „Gott wie auch seine Vernunft befahlen ihm [dem Menschen, I. H.], sich die Erde untertan zu machen, d.h. sie zum Nutzen für sein Leben zu bebauen und etwas Eigenes, seine Arbeit, darauf zu verwenden“ (Locke 2017: 26). Im Prozess der Kultivierung geht indes eine Transformation des bearbeiteten Bodens vonstatten: Indem der Mensch diesem durch Arbeit etwas von sich selbst hinzufügt, eignet er sich das Land an und erwirbt in der Locke’schen Logik das Eigentumsrecht darauf. Zugleich erfährt das bewirtschaftete Land eine Valorisierung, denn für Locke beläuft sich der Nutzen des „ganz der Natur überlassene[n] Land[es], das weder durch Viehzucht noch durch Ackerbau oder Bepflanzung veredelt ist, […] auf wenig mehr als auf nichts“, und erst Arbeit verleiht den Dingen „den weitaus größeren Teil ihres Wertes“ (Locke 2017: 33). In seiner Abhandlung kommt Locke wiederholt auf den amerikanischen Kontinent und dessen indigene Bevölkerung zu sprechen, die es versäumt habe, das Land effektiv zu nutzen und damit „das gemeine Gesetz der Natur“ verletzt und „sich strafbar“ gemacht habe (Locke 2017: 30). Vor diesem Hintergrund gebietet sich aus europäischer Sicht die Landnahme Amerikas und die Unterwerfung der indigenen Bevölkerung, an der Locke als Sekretär und Berater des Earl of Shaftesbury partizipierte; Letzterer gehörte zu den Eigentümern (Lord Proprietor) der nordamerikanischen Kolonie Carolina und verfasste in Zusammenarbeit mit Locke die Fundamental Constitutions of Carolina.

Der Einfluss dieser liberalen Eigentums- und Arbeitstheorie in den Texten von Gerstäcker und Schoppe ist unübersehbar, konstruieren diese doch ein heroisches Bild der landwirtschaftlichen Arbeit und des mühsamen Farmerlebens. Bei Schoppe ist von der Umwandlung der „Wildnis in einen Garten“, von Natur in Kultur, die Rede und davon, dass es für einen „geborne[n] Landmann […] kein größeres Glück [gebe], als den lieben Erdboden zu bebauen“ (Schoppe 1828: 90, 97). Gerstäcker lobt Brasilien als ein Land, in dem der „Handwerker und besonders de[r] Bauer aber, […] alle solche Leute, die arbeiten können und wollen“, Erfolg erwarten können, wohingegen „Unzufriedenheit […] fast stets in der eigenen Faulheit, oder Unfähigkeit zu arbeiten“, wurzele (Gerstäcker 1863: 416–417; Hervorhebung i. O.). In diesem Sinne zeigt sich bei Schoppe und Gerstäcker eine Präferenz für subsistenzbasierte Wirtschafts- und Sozialformen, die durch Marktaktivitäten der Figuren (Tausch der produzierten Überschüsse gegen andere Waren) ergänzt werden. Lockes Weiterentwicklung seiner Eigentumstheorie zu einer Theorie (und Legitimation) akkumulativ-kapitalistischen Wirtschaftens wird von der deutschen Brasilien-Literatur nicht mitvollzogen – im Gegenteil zeigt sich etwa bei Schoppe eine kritische Haltung gegenüber der Profitorientierung der brasilianischen Gesellschaft: „[I]n diesem Lande denkt Alles nur auf den Gewinn, und Mittel und Wege dazu sind den Leuten hier völlig gleichgültig“ (Schoppe 1828: 43).

Die Verknüpfung von Arbeit und Eigentum geht mit einer Ablehnung bzw. mit Vorbehalten gegenüber ‚unfreier‘ Arbeit einher, also Arbeit, die kein Eigentum generiert, worunter sowohl die Sklaverei und Schuldknechtschaft als auch die Lohnarbeit fallen. Während Sklaverei und Schuldknechtschaft bei Schoppe aus einem humanistisch-empfindsamen Mitleidsethos heraus als „schändliche[r] Mißbrauch[] der Menschenrechte“ (Schoppe 1828: 72) zurückgewiesen werden, gilt Gerstäckers Empörung hauptsächlich der Ausbeutung deutscher Migrant:innen im Rahmen des Parcerie-Systems.1 Lohnarbeit erscheint bei Gerstäcker als Mittel des Erwerbs von Kapital, das wiederum Möglichkeiten der ‚freien‘ Arbeit eröffnet: mit dem sich also Eigentum erwerben oder ein selbstständiges Gewerbe aufbauen lässt. Diese ‚Neue Welt‘ tritt somit als ein Replikat der ‚Alten‘ und ihrer Eigentumsordnung zutage, deren Herrschafts- und Ungleichheitsverhältnisse mit Blick auf die vormals eigentumslosen Auswander:innen zwar korrigiert, zugleich jedoch – man denke nur an die indigene Bevölkerung und andere nicht besitzende Klassen – reproduziert werden.

Migrationsliteratur als Kolonialliteratur?

Deutsche Siedlungen in Brasilien wurden im 19. Jahrhundert als ‚Kolonien‘ bezeichnet. Zum Ausdruck gebracht wurde damit nicht die politische Herrschaft eines Staates (hier Deutschlands) über ein fremdes Gebiet (hier Brasilien), sondern – in der Bedeutung der Agrarkolonisation – die landwirtschaftliche Erschließung von Land durch eingewanderte, ggf. zwecks dazu rekrutierte Personen. In diesem Sinne ist es zutreffender, mit Blick auf die deutsche Brasilien-Literatur von einer Migrations- bzw. Auswanderungsliteratur zu sprechen, während unter die Kolonialliteratur im engeren Sinne die in der Ära des Wilhelminischen Kolonialismus (1884–1918/1919) entstandene Literatur zu rechnen ist, die die deutschen Kolonien in Afrika, im Südpazifik und an der chinesischen Ostküste zum Gegenstand hat (vgl. Hermes 2017: 260). Gleichwohl erweist sich eine eindeutige Trennung immer dort als fraglich, wo Darstellungen der Südamerika-Auswanderung national-chauvinistische Argumentationsmuster an den Tag legen und eine koloniale Agenda offen verfolgen bzw. Auswanderung als Teil der deutschen Kolonialpolitik vorbringen – so im Fall von Gerstäcker. Die Begeisterung über die deutsche Siedlung St. Leopoldo, die als ein Werk des „deutsche[n] Fleiß[es]“ präsentiert wird, verleitet die Erzählinstanz in einem Reisebericht Anfang der 1860er Jahre dazu, das Fehlen von deutschen Kolonien zu beklagen und Deutschland als Kolonialmacht ins Feld zu führen:

Es giebt in der That wenig Nationen, die sich so vortrefflich zur Colonisirung eines fremden Landes eignen, wie die deutsche, und doch hat eben diese von allen anderen keine eigene Colonie, und wird nur dazu benutzt, anderen Völkern ihre Ländereien werthvoll zu machen. Armer deutscher Michel, wirst du denn nie einmal anfangen auf deine alten Tage zu denken und für dich selber zu arbeiten […]. (Gerstäcker 1863: 274; Hervorhebung i. O.)

Die deutsche Brasilien-Auswanderung war sowohl für die Herausbildung der deutschen Nation als auch für deren Selbstverständnis als Kolonialmacht von Bedeutung: „Die Auswanderer sollten nicht nur die deutsche Position in der Welt stärken, sondern auch identitätsstiftend auf die ‚deutsche Nation‘ rückwirken“ (Schulze 2016: 107). Im Zentrum der national-kolonialen Brasilien-Diskurse stand die Kategorie des ‚Deutschtums‘: die Imago einer ethnischen, kulturellen und sprachlichen Gemeinschaft, die losgelöst von einem Staat existiert (vgl. Schulze 2016: 16). Die Literatur des 19. Jahrhunderts führt den Stellenwert von liberalen Konzepten der Arbeit und des Privateigentums für diesen Vorstellungskomplex vor Augen. Den Angelpunkt von Gerstäckers Kolonialfantasien bildet das Bild des fleißigen, arbeitsamen, landwirtschaftlich begabten Deutschen, das die deutsche Brasilien-Literatur durchzieht und sich auch in Texten findet, die keinen kolonialen Diskurs führen. Gleichwohl schreiben diese mit am Narrativ deutscher Berufung, Land durch Arbeit in Eigentum zu verwandeln, das eine Legitimationsgrundlage für koloniale Machtansprüche bereitstellt.

Literaturverzeichnis

Asche, Matthias/Niggemann, Ulrich: Migrationen und Mythen, Identitäten und Raumbilder. Historische Narrative von Einwanderergesellschaften. In: Dies. (Hg.): Das leere Land. Historische Narrative von Einwanderergesellschaften. Stuttgart 2015, 9–30.

Avé-Lallemant, Robert: Reise durch Süd-Brasilien im Jahre 1858. 2 Bde. Leipzig 1859.

Gerstäcker, Friedrich: Achtzehn Monate in Südamerika und dessen deutschen Colonien. Bd. 3. Jena 1863.

Gerstäcker, Friedrich: Die Colonie. Brasilianisches Lebensbild. Bd. 1. Leipzig 1864.

Gerstäcker, Friedrich: Parcerie-Vertrag. Erzählung zur Warnung und Belehrung für Auswanderer und ihre Freunde. Leipzig 1869.

Hermes, Stefan: Kolonialliteratur. In: Dirk Göttsche/Axel Dunker/Gabriele Dürbeck (Hg.): Handbuch Postkolonialismus und Literatur. Stuttgart 2017, 260–267.

Locke, John: Über die Regierung. In Übersetzung von Dorothee Tidow, mit einem Nachwort und hg. von Peter Cornelius Mayer-Tasch. Stuttgart 2017 (engl. 1689).

Loick, Daniel: Der Missbrauch des Eigentums. Berlin 32021.

Neumann, Gerson Roberto: Die Thematik der deutschen Auswanderung nach Brasilien in der deutschen Literatur im 19. Jahrhundert (1800–1871). Frankfurt a. M. 2005.

Oltmer, Jochen: Globale Migration. Geschichte und Gegenwart. München 22016.

Schoppe, Amalia: Die Auswanderer nach Brasilien oder die Hütte am Gigitonhonha. Nebst andern moralischen und unterhaltenden Erzählungen für die Jugend von 10 bis 14 Jahren. Berlin 1828.

Seyferth, Giralda: Deutsche Einwanderung nach Brasilien. In: Sérgio Costa/Gerd Kohlhepp/Horst Nitschack/Harmut Sangmeister (Hg.): Brasilien heute. Geographischer Raum, Politik, Wirtschaft, Kultur. Frankfurt a. M./Madrid 2010, 739–756.

Schulze, Frederik: Auswanderung als nationalistisches Projekt: ‚Deutschtum‘ und Kolonialdiskurse im südlichen Brasilien (1824–1941). Köln u. a. 2016.

Vorgeschlagene Zitierweise:
Husser, Irene: Locke in Brasilien. Eigentum und Arbeit in der deutschen Auswanderungsliteratur. In: moment-mal-ndl/Blog (18.09.2026), https://moment-mal-ndl.de/locke-in-brasilien-eigentum-und-arbeit-in-der-deutschen-auswanderungsliteratur/ (Abrufdatum).

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  1. Zu verstehen ist darunter ein landwirtschaftliches Pachtverhältnis, bei dem Grundbesitzer:innen Land bereitstellen, das die Pächter:innen kultivieren, wobei der Ertrag zwischen beiden geteilt wird. Parcerie-Verträge waren im 19. Jahrhundert auf Kaffeeplantagen in Brasilien verbreitet. Europäische Migrant:innen wurden dazu von Agenten gezielt angeworben, verschuldeten sich für die Überfahrt und wurden infolge nachteiliger Vertragsbedingungen in schuldknechtschaftsähnliche Abhängigkeitsverhältnisse gedrängt. ↩︎