Abb. 1: Paula Baumgartner, Lost Places.
Wenn man von Autosoziobiografie und sozialen Aufstiegserzählungen spricht, denkt man an Texte wie Didier Eribons Rückkehr nach Reims (fr. 2009), an die Prosa von Annie Ernaux und Édouard Louis, im deutschsprachigen Raum an Autor:innen wie Christian Baron, Daniela Dröscher, Deniz Ohde oder Anke Stelling. Dabei werden auch in einem anderen kulturellen Feld autosoziobiografische Rückblicke auf Kindheit und Jugend in sozial prekären Umgebungen geworfen. Im deutschen Hip-Hop veröffentlichen die Künstler Tua und OG Keemo Songs, EPs und Alben, die intersektionale Perspektiven auf Herkunftsgeschichten aus sozial benachteiligten Verhältnissen bieten.
Der Blick zurück
Die Künstler Tuaund OGKeemo gehören seit Jahren zum festen Teil der deutschen Hip-Hop-Szene. In ihren Songs geht es immer wieder um Jugendliche aus sozial prekären Verhältnissen und migrantischen Familien – so in Tuas 2019 erschienenem Song „Vorstadt“ und der gleichnamigen EP (einem Kurzalbum). Diese nehmen das Aufwachsen und Leben in einer Vorstadt in den Blick, das von Gewalt, Armut und gesellschaftlichem Stillstand geprägt ist. Ähnliche Themen stehen auch im Zentrum von OG Keemos Mann beißt Hund (2022). Das Konzeptalbum beleuchtet unterschiedliche Facetten einer Jugend in der ‚Siedlung‘, einem Stadtteil, der von ökonomischer Benachteiligung, sozialer Segregation und migrantischen (Lebens-)Realitäten geprägt ist. In den Songs spricht ein ‚Ich‘, das über weite Teile des Albums Karim zuzuordnen ist, einem Jungen, der später Rapper wird und einen Weg aus der Siedlung findet. In zwei Songs jedoch kommt es zu einem entscheidenden Wechsel der Sprecherposition. In „Vögel“ und „Töle“ rückt jeweils die Perspektive eines Freundes von Karim in den Mittelpunkt: Bei dem ‚Ich‘ von „Vögel“ handelt es sich um Yascha, in „Töle“ spricht Malik. Beide begleiten Karim während seiner Jugend durch die Siedlung, vollziehen jedoch seinen sozialen und finanziellen Aufstieg nicht mit. In „Vögel“ und „Töle“ erzählen sie ihre individuellen Lebenswege: Yascha nimmt sich noch als Jugendlicher das Leben, während Malik in der Siedlung zurückbleibt.
Die Songtexte von Tua und OG Keemo weisen autobiografische Züge auf und werden dabei, ähnlich zu den autosoziobiografischen Gegenwartsromanen, aus der Position eines zurückblickenden Ichs erzählt. Bei beiden Künstlern stehen Sprechinstanzen im Mittelpunkt, die den sozialen Aufstieg geschafft haben: Sie sind durch Musik bekannt geworden und haben so (in ökonomischer Hinsicht) die Klasse gewechselt. Nun wenden sie sich im Medium der Musik der eigenen Vergangenheit zu und reflektieren ihr Aufwachsen. Während die deutsche Gegenwartsliteratur das Ideal des sozialen Aufstiegs durch Bildung verhandelt, wird in den Rapsongs der soziale Aufstieg durch Geld und Bekanntheit besungen. Dabei wird aber auch zum Thema gemacht, dass die Sprechinstanzen sich nicht ganz von ihrer Herkunft lösen können und als transclasse (Jaquet 2018) aus einer sozialen Zwischenposition sprechen.
Thematisiert wird dies oftmals in einer für Hip-Hop typischen Konkretheit: „Ich bin seit ich Geld fürs Reden krieg’, geplagt von Überlebensschuld“ (OG Keemo 2022: „Ende“). Mit diesen Worten bilanziert die Sprechinstanz im letzten Track von Mann beißt Hund ihren Aufstieg als Rapper und thematisiert zugleich ihre emotionale Zerrissenheit: Einerseits ist sie stolz auf den eigenen Erfolg, andererseits weiß sie um die sozio-ökonomische Prekarität ihres früheren Umfelds, die nach wie vor besteht.
In Tuas „Vorstadt“ geht es um einen Aufsteiger, der sich von dem Ort seiner Kindheit und Jugend entfremdet hat und mit Unsicherheit in die unbekannte Zukunft blickt.
Nun bin ich selten am Start, nur in der Welt von den Stars / Das mag auf viele von damals so wirken, doch grad mal die Hälfte ist wahr / Fahre den Wagen mit drei km/h vorbei an den Stell’n, wo wir war’n / Vielleicht ist da noch wer oder ich bin selber noch da / […] / Und hier ist es nicht, als ob ich nur Mal draußen wär’ / Sondern mein altes Ich ist kein Zuhause mehr / Ich such’ ein neues und muss damit laufen lern’n / Ich weiß zwar noch nicht wohin, aber genau woher / […] / Ich leb’ hier nicht mehr, doch irgendwie immer noch. (Tua 2019: „Vorstadt“)
Ähnlich zu den literarischen Autosoziobiografien reflektieren die Sprechinstanzen in den Songs von Tua und OG Keemo nicht nur ihre individuellen Erfahrungen, sondern setzen diese auch in Beziehung zur Sozialstruktur (vgl. Blome/Lammers/Seidel 2022: 3) und zeichnen dabei das Bild eines von Armut, sozialer Segregation und Stagnation wie auch Gewalt geprägten Gesellschaftsteils.
Gewalterzählungen
Der Eröffnungstrack „Anfang“ von OG Keemos Mann beißt Hund stellt Karims Erinnerung an eine Begegnung mit seinem späteren Freund Malik ins Zentrum. Das Kennenlernen der beiden ist von Risikoabwägung geprägt:
Er sagt, er käme aus dem siebten Block, er laufe noch ein Stückchen mit / Ich guckte skeptisch, doch ich konnte seh’n, er hat nix Spitzes mit / Außerdem wär’ er zu skinny für ’nen Raub, also fuck it. (OG Keemo 2022: „Anfang“)
Der wesentliche Grund für das Ich des Songs, seinen Heimweg mit Malik fortzusetzen, ist, dass er sein Gegenüber als ungefährlich einschätzt. Als dieser nach einem Anruf eine dritte Person einlädt, zu den beiden zu stoßen, wird diese Einschätzung hinterfragt: Das Ich wähnt sich in einer Gefahrensituation und stellt fest, dass es inzwischen zu high für „Kampfsport“ (OG Keemo 2022: „Anfang“) ist. Es folgert: „[J]etzt gerade kann nur Cardio mich noch retten“ (OG Keemo 2022: „Anfang“). Die Gewalterwartung wird als strukturierendes Prinzip der erinnerten Welt offensichtlich, auch wenn in diesem Fall weder eine Schlägerei noch Verfolgungsjagd stattfindet. Songs wie „Suplex“, „Big Boy“ und „Sandmann“ zeigen eine ähnliche Alltäglichkeit der Gewalt. Dieses Phänomen verortet die Texte zugleich in der internationalen Tradition des Gangsta Rap, der Gewalt und Gewalterfahrungen als „wichtige[n] Bestandteil einer hypermaskulinen Selbstinszenierung“ (Schultz 2022: 56) verbalisiert.
Gewalt und soziale Hierarchie werden auch in Tuas Song „Vorstadt“ explizit verknüpft: „Die sagten, dass sie morgen kommen und mich schlagen werden“, erinnert sich hier das Ich:
Und jede Truppe von Jungs, die in der Gegend stand / Fühlte sich gefährlich an in meinem Überlebenskampf. / Werde bloß kein Beta-Mann, Alphamännchen in Beta-Gestalt / Für Beta gehalten, schlägert sich halt [sic!]. (Tua 2019: „Vorstadt“)
Deutlich wird auch, dass physische Stärke und Gewalt Behauptungsmöglichkeiten darstellen.
Es ist so zehn Jahre her und da waren ständig die Jungs / Ich hatte Seiten gewechselt, man hatte Ängste vor uns / Du kannst auf die Fresse kriegen, ohne Grenzen und Grund. (Tua 2019: „Vorstadt“)
Dass es sich bei den erzählten Gewalterfahrungen weniger um eine Romantisierung derselben handelt, wie sie dem Gangsta Rap häufig zugeschrieben wird, sondern um eine Beschreibung von und kritische Auseinandersetzung mit sozial prekären Lebensumständen, zeigt besonders deutlich OG Keemos Song „Vögel“. Dieser ist einer der wenigen auf dem Album, bei dem es zu einem Wechsel der Sprechinstanz kommt: Yascha, einer der Freunde von Karim, der wie dieser in der Siedlung aufwächst, spricht hier über seine Vergangenheit und einen Klassenkameraden, der die Schule gewechselt hat, nachdem er auf einer Party angegriffen worden war. Er sinniert:
Ich dacht, der Junge wär halt soft, wieso liegt es an uns? / Dabei war ich zu diesem Punkt bereits zu abgestumpft / Dass ich mir dacht, jeder, der nix verkraftet, sei ein schwacher Hund / Ich sollt das, Shit, ich sollt das besser wissen / Ich war doch damals der, den die Kids nach der Sechsten pickten. (OG Keemo 2022: „Vögel“)
Mit Yascha wird die Perspektive einer Figur eingenommen, der kein sozialer Aufstieg gelungen ist, obschon die Familie die Hoffnung darauf gesetzt hatte: „Väter[], die vor zwanzig Jahren jung ihr Land verlassen haben / In der Hoffnung, dass wir Karriere als Anwalt machen / Während wir in Handschuhen und Masken jede Nacht Panzer knacken“ (OG Keemo 2022: „Vögel“). Nun befindet sich Yascha auf dem Weg auf ein Hochhausdach und blickt zurück:
Der Scheiß war witzig, bis er’s nicht mehr war / Ich kenn’ Jungs, die nicht gealtert sind, seitdem sie 17 war’n / Damit mein’ ich mental / Mein Bro is’ 29, er hängt noch im Schützengraben ab, als wär’ er glücklich da / Und lebt nach Codes, die ihm sein Bro mal eingetrichtert hat / Dessen Geschichte alleine Grund genug ist, es nicht zu machen. (OG Keemo 2022: „Vögel“)
Weil er keinen Weg aus der Siedlung, keine Möglichkeit zum Auf- und Ausstieg weiß, entscheidet sich Yascha am Ende des Songs für den Suizid. Kurz vor seinem Tod stellt er sich vor, so über die Zwänge seiner Herkunft triumphieren zu können.
Ich steh’ auf dem Kopf des Riesens und triumphiere mit wunden Händen, am / Ende hab’ ich ihn doch besiegt / Jetzt kann mir egal sein, ob der Block mich liebt. (OG Keemo 2022: „Vögel“)[1]
Mit Yascha porträtiert das Album eine Figur, die an der sozialen Perspektivlosigkeit zerbricht. Dies wird zu einem späteren Zeitpunkt im Album noch einmal wiederholt: In „Töle“ wechselt wieder die Sprechinstanz. Dieses Mal handelt es sich um Malik, den zweiten Freund von Karim. Der Song ist zeitlich aus der Erzähllogik des Albums herausgehoben: Er ist einige Jahre nach Yaschas Tod zu verorten. In ihm wendet sich der erwachsene Malik an den ebenfalls erwachsenen Karim, der inzwischen mit Musik Geld verdient und den Weg aus der Siedlung gefunden hat. Er klagt diesen an, ihn verlassen zu haben: „[I]ch sollte ’ne Blocklegende sein / Ich hatt’ […] Scheine, Gott auf meiner Seite / Jungs im Mob und sogar Cops wussten Bescheid, wer hier das Sagen hat“ (OG Keemo 2022: „Töle“). Obwohl Malik in der Logik des Stadtteils ‚oben‘ stehen sollte, zeigt hier die Verwendung des Konjunktivs, dass an der Spitze der Block- oder Siedlungshierarchie kein Ausweg, sondern vielmehr Aussichtslosigkeit wartet: „Ja, dieses Leben hat mich Zeit gekostet / Mein Gehirn ist Brei, mein Messer ist eingerostet / Weiche Knochen unterm Trainingsanzug“ (OG Keemo 2022: „Töle“). Am Ende muss er zugeben: „Mich hält nix an diesen Bauten, aber ich schaff’s nicht mehr raus, seitdem du / damals weggelaufen bist“ (OG Keemo 2022: „Töle“).
Erzählungen vom Stillstand
Im autosoziobiografischen Modus steht für beide Rap-Künstler weniger die Glorifizierung des eigenen Aufstiegs und damit eine Selbstbehauptung im symbolischen Kampf um Anerkennung im Mittelpunkt (vgl. Seeliger/Saar 2022: 278–281). Vielmehr wird das Bild einer Gesellschaft entworfen, in der der Auf- und Ausstieg aus sozial prekären Verhältnissen die Ausnahme darstellt. Die Stadtteile, in denen das jugendliche Ich aufwächst, werden als sozioökonomische Gefängnisse mit unsichtbaren, undurchlässigen Mauern gezeichnet. Besonders deutlich wird dies in Tuas EP Vorstadt. Der Song „Wir froren nie“ erzählt hier die Liebesgeschichte zwischen einem Jungen aus der sozioökonomisch benachteiligten Vorstadt und einem Mädchen aus ‚gutbürgerlichem Haus‘. Letztere tritt für eine Weile in die Welt des Jungen ein, die von Partys und sozialem Nonkonformismus geprägt ist: „Und sie beide rennen vor Polizeisirenen / Da lachen sie laut mit, während sie leise denkt, / Wieso fühlt sich alles Falsche so gut an? Die Welt ist verrückt‘“ (Tua und Wanja Janeva 2024: „Wir froren nie“). Schließlich distanziert sich die junge Frau jedoch. Die Unterschiede ihrer Lebenswelten macht der Text in einer Gegenüberstellung deutlich: „Er so U-Haft und Jugendknast / […] Sie soweit fort für Studienplatz“ (Tua und Wanja Janeva 2024: „Wir froren nie“). Der Song „Extrem Durchschnitt“ zeigt die stagnierende Zukunft, die den Jungen erwartet:
Mit fünfunddreißig in ’nem Kellerzimmer, fernseh’n in ’ne Welt, die flimmert / Bongsiffe und Kornmische, schrei’n: ‚Junggeselle für immer / Altglas voller Kippen, trockene Pizza im Karton / Sicherlich hätte man gerne mehr, aber dann nimmt man’s, wie es kommt / […] / Abgründe hab’n gute Gründe, allzu vieles ungerecht / Dazu ein paar Jugendsünden, dazu eine Runde Pech […] / Fotografien des Niemandslandes am Wegesrand des geringsten / Widerstandes. (Tua 2024: „Extrem Durchschnitt“)
Diese Zukunft ist geprägt von Aussichtslosigkeit und Stillstand. Vor allem der Wunsch danach, die ökonomische Position zu verbessern, und Formulierungen wie „Niemand hat das hier gesucht, sondern nur aus Zufall hier gewohnt“ (Tua 2024: „Extrem Durchschnitt“) kommentieren eine Klassengesellschaft, die Angehörige unterer Klassen räumlich und sozioökonomisch ausschließt und zur Resignation zwingt: „[D]er Rest der Welt ist von uns weit ab“ (Tua 2024: „Extrem Durchschnitt“). Tua und OG Keemo stellen gerade diese Abseitigkeit in den Mittelpunkt und verhandeln mit ihr die (Un-)Möglichkeit, die Grenzen und Konflikte eines Klassenwechsels – ein Statement, mit dem sie einen popkulturellen Beitrag zum Klassendiskurs der Gegenwart leisten.
Literaturverzeichnis
Beckmann, Nicholas: „Ich denke an blaues Licht auf schwarzer Haut“ – Immersives Storytelling im Spannungsfeld zwischen Polizeigewalt, racial profiling, Rassismus, Depression und (OG-)Realness. In: Marc Dietrich/Martin Seeliger (Hg.): Deutscher Gangsta-Rap III. Soziale Konflikte und kulturelle Repräsentationen. Bielefeld 2022, 179–200.
Blome, Eva/Lammers, Philipp/Seidel, Sarah: Zur Poetik und Politik der Autosoziobiografie. In: Dies. (Hg.): Autosoziobiographie, Poetik und Politik. Berlin 2022, 1–16.
Foucault, Michel: Andere Räume. In: Karlheinz Barck u.a. (Hg.): Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik. Leipzig 1992, 34–46 (frz. 1967).
Jaquet, Chantal: Zwischen den Klassen. Über die Nicht-Reproduktion sozialer Macht. Mit einem Nachwort von Carlos Spoerhase. Konstanz 2018 (fr. 2014)
OG Keemo und Funkvater Frank: Mann beißt Hund (Album). 2022.
Schultz, David: Gangsta-Rap und die umstrittene Bedeutung von Gewalt. Eine qualitative Untersuchung des ‚Studioangriffs‘. In: Marc Dietrich/Martin Seeliger (Hg.): Deutscher Gangsta-Rap III. Soziale Konflikte und kulturelle Repräsentationen. Bielefeld 2022, 79–104.
Seeliger, Martin/Sahr, Aaron: Pokerspiele in der Ghettoökonomie. Zur symbolischen Repräsentation von Ungleichheit durch monetäre Topoi im deutschen Gangstarap. In: Marc Dietrich/Martin Seeliger (Hg.): Deutscher Gangsta-Rap III. Soziale Konflikte und kulturelle Repräsentationen. Bielefeld 2022, 271–300.
Tua: Vorstadt (EP). 2024.
Tua: TUA (Album). 2019.
Vorgeschlagene Zitierweise:
Baumgartner, Paula: „Jetzt kann mir egal sein, ob der Block mich liebt“ – Autosoziobiografische Verfahren im Hip-Hop. In: moment-mal-ndl/Blog (13.03.2025), https://moment-mal-ndl.de/jetzt-kann-mir-egal-sein-ob-der-block-mich-liebt-autosoziobiografische-verfahren-im-hip-hop/ (Abrufdatum).
DOI: https://doi.org/10.57754/FDAT.3cfs2-1k845
Zu weiteren Blogbeiträgen der Autorin
[1] Zur weiteren Übersicht der Bildsprache bei OG Keemo vgl. (Beckmann 2022: 179–200).